„Es geht um die Zukunft unseres Ortes“ – Diethelm über Chancen und Belastungen | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Bürgermeister Marco Diethelm spricht mit Matthias Träger über sinkende Geburten, das Baugebiet Postweg-Mitte, den schwierigen Haushalt, Verzögerungen beim Rathausabriss, neue Projekte wie Aldi und Ärztehaus, Krisenvorsorge, Feuerwehr und den Glasfaserausbau im Außenbereich.

„Es geht um die Zukunft unseres Ortes“ – Diethelm über Chancen und Belastungen

Herzebrock-Clarholz im Wandel: Diethelm über Haushalt, Baugebiete und Infrastruktur

Beim politischen Frühschoppen der Kolpingsfamilien Herzebrock und Clarholz stellte sich Bürgermeister Marco Diethelm den Fragen von Kolpingbruder Matthias Träger (Radio Gütersloh). In einem ausführlichen Gespräch sprach Diethelm offen über die zentralen Herausforderungen und Zukunftsprojekte der Gemeinde – von sinkenden Geburtenzahlen über das Baugebiet Postweg-Mitte bis hin zu Haushalt, Krisenvorsorge und Infrastruktur.

Zu Beginn ging Diethelm auf die aktuelle Bevölkerungsentwicklung ein. Die Geburtenzahlen seien rückläufig, was sich deutlich in den sinkenden Kita-Anmeldungen zeige. Die ursprünglich geplante neue Kita in Clarholz werde daher nicht mehr benötigt. Gleichzeitig ziehe die Gemeinde weiterhin junge Familien an, wenn auch nicht mehr in der Dynamik früherer Jahre. Mit Blick auf den demografischen Wandel warnte Diethelm davor, dass die Babyboomer-Generation in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehe und die Altersstruktur sich spürbar verändern werde. Wichtig sei, ein Auseinanderdriften der Ortsteile zu verhindern und Leerstände im Ortskern zu vermeiden.

Ein Schlüsselprojekt für die städtebauliche Entwicklung ist das Baugebiet Postweg-Mitte. Auf rund 65 Grundstücken sollen etwa 100 Wohneinheiten entstehen, was rund 300 neuen Einwohnerinnen und Einwohnern entspricht. Die Entwässerungsplanung sei inzwischen bei der Bezirksregierung Detmold und beim Kreis Gütersloh, und sobald die Genehmigung vorliege, könnten die Bauarbeiten beginnen. Das Gebiet spiele eine zentrale Rolle für das Zusammenwachsen von Herzebrock und Clarholz.

Haushalt unter Druck: Warum Sparen allein nicht mehr reicht

Sorgen bereitet weiterhin der Haushalt, der die Gemeinde in den kommenden Jahren vor erhebliche Herausforderungen stellt. Diethelm machte deutlich, dass Herzebrock-Clarholz – wie viele Kommunen – in einer finanziellen Schieflage steckt, die nicht durch einzelne Maßnahmen zu beheben ist. Die Gemeinde plane in diesem Jahr ein Defizit von rund sieben Millionen Euro, im kommenden Jahr erneut sieben Millionen und im darauffolgenden Jahr weitere sechs Millionen. Mit Rücklagen von etwa 15 bis 16 Millionen Euro sei klar, dass diese Entwicklung nicht lange tragbar sei.

Die Ursachen seien vielfältig: stark gestiegene Energie- und Baukosten, höhere Personalausgaben, gesetzliche Verpflichtungen ohne ausreichende Gegenfinanzierung – und besonders belastend die deutlich steigende Kreisumlage, die einen immer größeren Teil des Gemeindehaushalts binde. „Wir zahlen jedes Jahr mehr an den Kreis, ohne dass wir Einfluss auf die Höhe dieser Umlage haben. Das nimmt uns massiv Handlungsspielraum“, so Diethelm. Gleichzeitig wachse der Druck auf die kommunale Infrastruktur – von Schulen über Straßen bis hin zu Sportstätten.

Sparen allein werde das Problem nicht lösen. Die Verwaltung sei bereits aufgefordert, eine Million Euro einzusparen, und jede Ausgabe werde kritisch geprüft. Doch die freiwilligen Leistungen – darunter Hallenbäder, Sportstätten, Kulturförderung und Vereinsarbeit – machten rund drei Millionen Euro aus. Selbst ein vollständiger Wegfall dieser Angebote würde das strukturelle Defizit nicht beseitigen und gleichzeitig das gesellschaftliche Leben im Ort massiv schwächen. „Wir könnten alles streichen, was Herzebrock-Clarholz lebenswert macht, und hätten trotzdem noch ein Millionenloch“, erklärte Diethelm.

Auch Personalabbau sei keine realistische Option. Der demografische Wandel führe ohnehin dazu, dass Stellen nach und nach unbesetzt bleiben. „Wir verlieren Personal nicht durch Sparbeschlüsse, sondern weil wir niemanden mehr finden“, so Diethelm. Deshalb müsse die Gemeinde ihre Strukturen so verändern, dass sie auch mit weniger Personal leistungsfähig bleibt. Die Zahl der Stellen werde dadurch automatisch über die Zeit sinken – ohne harte Einschnitte, sondern durch eine langfristige Anpassung der Organisation.

Damit bleibe als dritte Stellschraube die Erhöhung der Einnahmen – insbesondere der Grundsteuer B. Eine moderate Erhöhung sei in diesem Jahr abgelehnt worden, doch Diethelm machte deutlich, dass sie im kommenden Jahr kaum zu vermeiden sei. Ein durchschnittliches Einfamilienhaus zahle derzeit etwa 300 bis 400 Euro im Jahr. Eine deutliche Anhebung könne eine jährliche Mehrbelastungen von mehreren hundert Euro bedeuten. „Das ist schmerzhaft, keine Frage. Aber die Alternative wäre, dass wir Hallenbäder schließen, Sportvereine nicht mehr unterstützen oder Spielplätze verfallen lassen. Das kann niemand wollen“, betonte der Bürgermeister.

Weitere Projekte und Entwicklungen in der Gemeinde

Beim Thema Rathausneubau sprach Diethelm ungewöhnlich offen über Verzögerungen. Der beauftragte Entkernungsbetrieb habe erhebliche Probleme verursacht und nach der Vergabe plötzlich deutlich höhere Preise verlangt. Dadurch habe sich der Zeitplan verschoben. Nun hoffe man, dass der Abriss im Mai beginnen könne. Der Neubau sei jedoch weiterhin ein wichtiges Projekt, um moderne Arbeitsplätze, einen funktionalen Ratssaal und Räume für Vereine zu schaffen.

Auch bei der Entwicklung entlang der B 64 gebe es Fortschritte. Ein neuer Aldi-Markt sowie ein Drogeriemarkt sind im Bebauungsplanverfahren vorgesehen. Wenn die Planungen weiter gut laufen, sei ein Baubeginn im nächsten Jahr möglich. Diethelm betonte, dass ein Drogeriemarkt eine wichtige Ergänzung für die Nahversorgung in Herzebrock sei.

Zum geplanten Ärztehaus in Clarholz erklärte der Bürgermeister, dass die Grundidee gut sei und der Investor sehr engagiert auftrete. Mit Blick auf die spätere Besetzung zeigt sich Diethelm gespannt, wie erfolgreich die Gewinnung von Ärztinnen und Ärzten am Ende sein wird. Aus seiner Sicht wäre am wichtigsten, statt möglichst viele Fachrichtungen anzusiedeln, stärker auf Allgemeinmediziner zu setzen, da gerade die hausärztliche Versorgung für die Gemeinde besonders wichtig sei. Die Verantwortung dafür liege jedoch bei der Kassenärztlichen Vereinigung, nicht bei der Kommune.

Positiv verläuft der Bau des neuen Feuerwehrgerätehauses in Clarholz. Das Projekt liege im Zeit- und Kostenrahmen, die Fertigstellung sei für August oder September vorgesehen. Die moderne Ausstattung und die flexiblen Raumkonzepte seien ein wichtiger Schritt, um die Einsatzfähigkeit langfristig zu sichern und die Feuerwehr attraktiv zu halten.

Ein weiteres Schwerpunktthema war die Krisenvorsorge. Der Kreis Gütersloh werde in den kommenden Wochen ein Krisenhandbuch an alle Haushalte verteilen. Bürgerinnen und Bürger sollten in der Lage sein, sich im Ernstfall eine Woche, idealerweise zwei Wochen, selbst zu versorgen. Die Gemeinde könne zwar rund 100 Stunden lang Trinkwasser und Abwasser sichern, müsse sich im Ernstfall aber auf besonders schutzbedürftige Menschen konzentrieren.

Beim Glasfaserausbau im Außenbereich zeigte sich Diethelm enttäuscht. Der Dienstleister habe Probleme mit dem Open-Access-System, was zu Verzögerungen führe. Er hoffe dennoch, dass in ein bis zwei Monaten die ersten Anschlüsse aktiviert werden könnten.

Zum Abschluss stellte Matthias Träger vier kurze Fragen, was sich der Bürgermeister für die nächsten Jahre wünsche. In den nächsten zehn Jahren werde sich aus seiner Sicht vor allem durch den Rathausneubau, ein saniertes Hallenbad und neue Spiel- und Sportflächen viel sichtbar verändern. Die Entwicklung der Neubaugebiete werde die Gemeinde am stärksten prägen. Bürgerinnen und Bürger könnten am meisten beitragen, indem sie sich beteiligen, Veranstaltungen besuchen und sich aktiv ins Gemeindeleben einbringen. Vor großen Entscheidungen habe er Respekt, aber Diethelm zeigte sich optimistisch: „Ich glaube, dass wir alle Probleme lösen können.“