Erzähl mal! – 90er‑Telefonkultur: Ein Apparat für die ganze Familie | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Mit „Erzähl mal! – Geschichten von früher“ sammeln wir Erinnerungen aus Herzebrock‑Clarholz. Julia Geppert nimmt uns mit in die 90er, als Verabredungen noch am Festnetztelefon getroffen wurden, Nummern im Kopf saßen und Internet und Telefon sich eine Leitung teilten.

Erzähl mal! – 90er‑Telefonkultur: Ein Apparat für die ganze Familie

Erzähl mal! – Geschichten von früher. Erinnerungen, die unsere Heimat lebendig machen.

Mit unserer neuen Reihe „Erzähl mal! – Geschichten von früher“ möchten wir Erinnerungen sammeln, die Herzebrock‑Clarholz geprägt haben – kleine und große Geschichten aus Kindheit, Schule, Hof, Nachbarschaft oder Dorfleben. Ob aus den 1950ern, 1970ern, 1990ern oder aus den frühen 2000ern: Jede Zeit hat ihre eigenen Klänge, Gerüche, Rituale und Besonderheiten. Genau diese persönlichen Erlebnisse möchten wir sichtbar machen – weil sie zeigen, wie sich unser Alltag verändert hat und wie viel Vertrautes, Lustiges oder Berührendes in den Momenten von früher steckt.

Wir freuen uns sehr, dass uns bereits die ersten Beiträge erreichen. Eine dieser Erinnerungen kommt heute von Julia Geppert, gebürtige Herzebrock‑Clarholzerin, die heute in Münster lebt und beim Bistum Münster arbeitet. Julia gehört zu der Generation, die in den 1980ern geboren und in den 1990ern Teenager war – einer Zeit zwischen Walkman und Bravo‑Hits, Telefonketten, Gameboy, Diddl‑Blättern, Take That, Tamagotchis und dem ersten eigenen Festnetztelefon im Kinderzimmer. Sie nimmt uns mit zurück in eine Ära, in der Verabredungen noch ohne Handy funktionierten – und zwar erstaunlich gut.


„Wenn man sich am Montag schon für Donnerstag verabredete …“

Erinnerungen von Julia Geppert

Sich am Montag schon für donnerstags verabreden? Zum Festnetztelefon greifen und aus dem Kopf heraus die Nummer der besten Freundin wählen? Was in den 1980er- und 1990er-Jahren völlig normal war, hat heute – in Zeiten von Smartphones und möglichst wenig Verbindlichkeit – eine gewisse Patina.

Wie war das möglich, schon Tage im Voraus (die ganz Verwegenen sogar eine oder zwei Wochen vorher) ein Treffen zu vereinbaren? Und das auch noch an einem schon festgelegten Ort? In der Schule, in der Pause? Und niemand fragte kurz vorher, ob es dabei bleibe, ob es auch 15 Minuten später gehe, an einem anderen Tag besser passe, wer die zuckerfreien Snacks mitbringe, ob eine Ersatz‑Matschhose nötig sei oder was passiere, wenn es vielleicht regne.

Ein Telefon für alle – und eine Schnur für die halbe Wohnung

Manchmal verabredete man sich aber auch nicht in der Schule, sondern griff zuhause zum Telefon. Das stand – festhängend an einer Schnur – wahlweise im Flur, im Wohnzimmer oder in der Küche der elterlichen Behausung. Manchmal, aber das war schon Luxus, war die Schnur so lang, dass man den Apparat in ein anderes Zimmer ziehen konnte, wenn man mal in Ruhe sprechen wollte.

Man hob also den Hörer ab und wählte. Aus dem Kopf! Eine vier- oder fünfstellige Telefonnummer, manchmal mit Vorwahl, wenn es in den Nachbarort ging. Unter dem Telefon lag oft ein Telefonregister – meist aus Plastik und in derselben Farbe wie der Fernsprecher (hach, welch nostalgisches Wort …). Und dieses Register klemmte zuverlässig. Wollte man „O“ wie Oma aufschieben, sprang „T“ wie Tante Erna auf. Was half? Fester drücken. Oder: Telefonnummern auswendig lernen.

1460, 43612, 42258 … Nummern, die Julia heute noch kennt, die aber längst nicht mehr vergeben sind. Die anderen schreibt sie lieber nicht – man weiß ja nie, wer heute noch drangeht. Schließlich sind „wir alle“ inzwischen so ungefähr 29 😉

Und natürlich kam es vor, dass nach stundenlangen Gesprächen mit der besten Freundin plötzlich ein Ruf von unten durchs Haus schallte: „Leg mal auf, ich muss telefonieren!“ Es gab ja nur einen Anschluss für alle. Wenn Mama oder Papa einen wichtigen Anruf erwarteten, war Schluss mit Quasseln.

Später wurde es nicht unbedingt einfacher – als das erste Internet nach Hause kam. Meistens AOL, und man wurde mit Installations‑CDs regelrecht zugeschwemmt. Dann wählte man sich mit einem pling‑plong‑pling ins Netz ein, über genau denselben Telefonanschluss. Und blockierte damit erneut die Leitung. Wurde währenddessen der Hörer abgenommen, hörte man entweder ein Rauschen wie aus dem Weltall – oder man warf den anderen gleich komplett aus dem Internet.

Apropos: Wählte man eine Nummer, musste man damit rechnen, dass nicht Christina, Eva, Jan, Katrin oder Inga den Hörer abnahmen, sondern die Eltern oder Geschwister. Es gab schließlich ein Telefonanschluss. Für alle. „Hallo, hier ist Julia. Kann ich mal Christina sprechen?“ – ein Satz, der fest zum Alltag gehörte.

Ebenso möglich: Keiner nimmt ab. Und bevor Telefone Nummern anzeigen konnten, wusste niemand, dass man angerufen hatte. Vereinzelt gab es Anrufbeantworter – aber das war schon wirklich der sprichwörtliche „heiße Scheiß“.

Habt auch ihr Geschichten von früher?

Etwas, das ihr erlebt habt, das euch bis heute begleitet oder das man einfach nicht vergessen sollte? Gerne ganz allgemein – oder mit Bezug zu Herzebrock‑Clarholz und seinen Bauernschaften.

Schickt uns eure Erinnerungen per E‑Mail an heimat@herzeblog.de oder ruft uns an unter 05245/921088.

Keine Scheu – wir freuen uns auf jede Geschichte. Ob groß oder klein, ausführlich oder nur als Notiz.