Erinnerung lebt: Nachfahrin jüdischer Familien besucht Herzebrock‑Clarholz | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Die Britin Ruth Utting‑Lawson besuchte Herzebrock‑Clarholz, um die Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren der Familien Stern, Levy und Weinberg zu erforschen. Begleitet von Gemeindearchivarin Nicole Kockentiedt führte die Reise zu Orten von Leben, Verfolgung und Flucht – ein bewegender Beitrag zur Erinnerungskultur. Den Text lest Ihr auf Herzeblog.de

Erinnerung lebt: Nachfahrin jüdischer Familien besucht Herzebrock‑Clarholz

Auf den Spuren ihrer jüdischen Vorfahren: Britische Besucherin begibt sich in Herzebrock-Clarholz auf Spurensuche

Jahre der Vorbereitung liegen hinter Ruth Utting-Lawson, als sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Miles die Reise nach Deutschland antritt. Die Britin möchte die Orte kennenlernen, an denen ihre jüdischen Vorfahren lebten und an deren Schicksal erinnern. Ihr Weg führte sie dabei auch nach Herzebrock-Clarholz, wo ihre Familie die Wurzeln in den Familien Stern, Levy und Weinberg hat.

Begleitet wurde Ruth Utting-Lawson von Gemeindearchivarin Nicole Kockentiedt, die sie zu den ehemaligen Wohnorten ihrer Vorfahren führte und ihr historische sowie neu erschlossene Fundstücke aus dem Gemeindearchiv vorstellte. Auch der frühere Gemeindearchivar Eckhard Möller unterbrach eigens seinen Ruhestand, um die Nichte des verstorbenen Hans Levy zu begrüßen. Im Zuge seiner jahrelangen Nachforschungen zur Geschichte der jüdischen Familien aus Herzebrock-Clarholz hatte er zu Hans Levy eine freundschaftliche Verbindung entwickelt.

An ihren Onkel erinnerte sich auch Ruth Utting-Lawson bei ihrem Besuch. Er erlebte als Zehnjähriger mit, wie das Wohnhaus der Familie Weinberg am Bahnhof in Herzebrock Ziel von gewaltsamen Übergriffen durch SA-Männer wurde.

Die Pogromnacht und ihre Folgen

Der erste Übergriff erfolgte in der Pogromnacht des 10. November 1938. Das Haus wurde verwüstet, Wertgegenstände gestohlen, Einrichtungsgegenstände zerschlagen. Die großen Fensterscheiben des Lebensmittelgeschäfts lagen in Trümmern. Immer wieder wurde die Familie bedroht, sein Onkel Arthur Weinberg geschlagen. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse erkrankte die Großmutter Emilie Weinberg schwer. Hans Levy erinnerte sich später: „Aber man wollte sie zuerst nicht ins Krankenhaus lassen. So haben wir sie eines Abends in einen Bollerwagen gesetzt und sie zum Konvent der Nonnen gefahren. Diese haben sie freundlich aufgenommen, ihr ein Bett gegeben und sie versorgt. Dennoch starb sie drei Wochen später. Ihr Sarg wurde in einem Lastwagen zum Friedhof transportiert."

In der Nacht vom 13. zum 14. Mai 1939 wurde die Familie erneut Opfer von Übergriffen. Insgesamt sieben SA-Männer drangen in das Haus ein, verwüsteten die Einrichtung und stahlen Wertgegenstände. Arthur Weinberg wurde unter Schlägen gezwungen, Wein und Sekt herauszugeben. Als er dies nicht konnte, schlugen die Männer mit einem Schlüsselbund auf seinen Kopf, bis er blutete. Anschließend wurden die Erwachsenen leicht bekleidet ins Waldstück Putz getrieben. Die von den Männern getrennten Frauen, Helene Levy und Emma Terhoch, wurden dort gezwungen, sich zu entkleiden und von einem SA-Mann mit Streichhölzern abgeleuchtet. Bis auf den 73-jährigen Israel Weinberg mussten sich auch die Männer, Arthur Weinberg und Salomon Levy, entkleiden; sie sollten in das kalte Wasser getrieben werden. Immer wieder wurden die Frauen und Männer mit Scheinerschießungen bedroht.

In der Folge zog sich Arthur Weinberg Brust- und Lungenquetschungen zu, seine Ehefrau Helene erlitt einen Nervenzusammenbruch. Trotz der anhaltenden Bedrohung traute sich die Familie, Anzeige zu erstatten. Zwar wurde gegen die Täter eine Gerichtsverhandlung eröffnet, letztlich blieben diese jedoch auf Grund einer Generalamnestie straffrei – und sollten weitere, kaum dokumentierte Übergriffe auf Jüdinnen und Juden begehen.

Flucht, Deportation, Überleben

Noch im gleichen Jahr gelang es der Familie Levy, ihre Kinder Elsbeth (13), Oskar (12) und Hans (10) mit einem Kindertransport in die Niederlande zu schicken. Salomon und Helene Levy hingegen wurden 1942 von Dortmund aus nach Theresienstadt deportiert und überlebten die Shoah nicht. Auch Tochter Elsbeth entging dem Tod nur durch Glück: Sie wurde 1943 in den Niederlanden inhaftiert und zunächst ebenfalls nach Theresienstadt gebracht. 1944 wurde sie von dort nach Auschwitz transportiert. Sie befand sich im gleichen Transport wie ihre Mutter und erinnerte sich später daran, sie nach der Ankunft unter den Frauen gesehen zu haben, die in die Gaskammern geführt wurden.

Ihre Brüder Oskar und Hans fanden zunächst Schutz in einem Waisenhaus in Amsterdam. Als sich die deutsche Wehrmacht der Stadt näherte, gelang es einem Komitee für jüdische Flüchtlinge, die Kinder auf ein Frachtschiff in Richtung Großbritannien einzuquartieren. Die Überfahrt gelang – obgleich das Schiff während der Fahrt von deutschen Tieffliegern angegriffen wurde.

Schlechter war es um die Familie von Arthur Weinberg bestellt. Er verblieb mit seiner Frau Käthe und dem knapp zehnjährigen Sohn Hans-Robert in Herzebrock. Im März 1942 wurde die Familie in ein Warschauer Ghetto deportiert. Bekannt ist, dass Käthe Weinberg am 1. Januar 1943 verstarb. Sterbetag und -ort von Arthur und Robert Weinberg sind bis heute unbekannt.

Erinnerung als Auftrag

Auch Ruth Utting-Lawson erinnerte sich während ihres Besuchs an die Berichte von Onkel und Vater. Der Besuch in Herzebrock-Clarholz ist für sie ein bedeutsamer Schritt auf dem Weg, die Geschichte ihrer Familie zu verstehen und zu bewahren und ein Zeichen dafür, dass Erinnerung keine Grenzen kennt.

Bürgermeister Marco Diethelm zeigte im Gespräch mit dem britischen Ehepaar große Anteilnahme an der sehr persönlichen Aufarbeitung der Geschichte. Gemeinsam war man sich einig, dass aktuelle gesellschaftliche Tendenzen zur Beunruhigung Anlass geben und man antisemitischen Entwicklungen entschieden entgegentreten müsse.