Wenn Erfahrung in Rente geht: Wissenstransfer wird zur Zukunftsaufgabe für Unternehmen | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Rund 60 Teilnehmende waren der Einladung der Gemeinde Herzebrock-Clarholz zum Wirtschaftsdialog in der Mensa der Von-Zumbusch-Gesamtschule gefolgt. Im Fokus standen Wissensmanagement, Fachkräftemangel, demografischer Wandel und die aktuelle Haushaltslage der Kommune.

Wenn Erfahrung in Rente geht: Wissenstransfer wird zur Zukunftsaufgabe für Unternehmen

Wirtschaftsdialog in Herzebrock-Clarholz informiert über Wissensmanagement und kommunale Finanzen

Rund 60 Unternehmerinnen und Unternehmer, Verwaltungsmitarbeitende sowie Ratsmitglieder waren am Dienstagabend der Einladung der Gemeinde Herzebrock-Clarholz zum Wirtschaftsdialog in der Mensa der Von-Zumbusch-Gesamtschule gefolgt. Im Mittelpunkt standen die angespannte Haushaltslage der Kommune sowie die Frage, wie Unternehmen angesichts von Fachkräftemangel, demografischem Wandel und drohendem Wissensverlust wertvolles Know-how langfristig sichern können.

Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Marco Diethelm führte zunächst Nikola Weber, Geschäftsführerin der Pro Wirtschaft GT, in das Schwerpunktthema des Abends ein. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Gütersloh unterstützt die 13 Städte und Gemeinden des Kreises unter anderem bei den Themen Digitalisierung, Innovation, Fachkräftesicherung und Unternehmensentwicklung.

Anhand aktueller Daten verdeutlichte Weber die Auswirkungen des demografischen Wandels. Während in den kommenden Jahren zahlreiche Beschäftigte in den Ruhestand eintreten werden, rücken deutlich weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt nach. Für Unternehmen bedeute dies nicht nur einen Mangel an Fachkräften, sondern auch den Verlust von wertvollem Erfahrungswissen.

„Dieses Wissen steckt in den Köpfen der Menschen“, betonte Weber. Gemeint seien Kenntnisse über Kunden, Produkte, Abläufe, Märkte oder gewachsene Netzwerke, die häufig über Jahrzehnte aufgebaut wurden. „Die eigentliche Aufgabe von Wissensmanagement ist es, Wissen in verfügbare Daten abrufbar zu machen“, erklärte sie.

Zugleich warb Weber dafür, sich frühzeitig mit Wissensträgern im Unternehmen auseinanderzusetzen und vorhandenes Know-how systematisch zu sichern. Unterstützungsangebote, Netzwerke und Fördermöglichkeiten stünden Unternehmen dabei zur Verfügung.

Anschließend vertiefte Christian Keller, Geschäftsführer der Bielefelder synartIQ GmbH, das Thema aus der betrieblichen Praxis. Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt sich sein Unternehmen mit Wissenstransfer und Wissenssicherung in Organisationen.

Keller widersprach der häufigen Sichtweise, Wissen sei lediglich ein „weicher Faktor“. „Wenn das Wissen in Ihrer Organisation weg ist, haben wir ein Wissensverlustrisiko“, sagte er. Unternehmen müssten dieses Risiko genauso ernst nehmen wie wirtschaftliche oder technische Risiken.

Bis zum Jahr 2040 würden deutschlandweit rund 13,3 Millionen Menschen altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Dennoch müsse nicht bei jedem Mitarbeitenden ein umfassender Wissenstransfer erfolgen. Zunächst gelte es herauszufinden: „Wo habe ich überhaupt ein Wissensverlustrisiko?“

Als praktisches Instrument stellte Keller eine sogenannte Transferampel vor. Dabei werden Mitarbeitende je nach Bedeutung ihres Wissens und möglichem Wissensverlust in die Kategorien Grün, Gelb oder Rot eingeordnet. Besonders rot gekennzeichnete Positionen sollten frühzeitig betrachtet werden. Ein weiterer Schwerpunkt seines Vortrags war die Erstellung sogenannter Wissenslandkarten. Sie machen sichtbar, über welches Fachwissen, welche Kontakte, Prozesse oder Projekterfahrungen einzelne Beschäftigte verfügen. „Wir brauchen eine Landkarte des Wissens dieser Person“, erläuterte Keller. Erst auf dieser Grundlage könne entschieden werden, welches Wissen für Nachfolger oder Kollegen gesichert werden müsse.

Großes Interesse weckte bei den Teilnehmern der Einsatz digitaler Werkzeuge. Keller empfahl, Wissen verstärkt über aufgezeichnete Übergabegespräche und Erklärvideos zu dokumentieren. Moderne KI-Anwendungen könnten dabei helfen, diese Inhalte zu transkribieren, zusammenzufassen und dauerhaft nutzbar zu machen.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass viele Unternehmen bereits heute vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Gleichzeitig betonte Keller, dass erfolgreicher Wissenstransfer nicht allein von Technik abhänge. Vertrauen und Wertschätzung spielten eine entscheidende Rolle, damit Beschäftigte ihr Erfahrungswissen weitergeben.

Zum Abschluss informierten Kämmerer Guido Bolz und Bürgermeister Marco Diethelm über die aktuelle finanzielle Situation der Gemeinde. Bolz erläuterte, dass der Haushaltsplan für 2026 ein Defizit von mehrerenMillionen Euro vorsehe. Gleichzeitig investiere die Gemeinde weiterhin in wichtige Zukunftsprojekte wie den Rathausneubau, die neue Feuer- und Rettungswache in Clarholz, den Glasfaserausbau sowie die Modernisierung von Infrastruktur.

Steigende Umlagen, höhere Personal- und Baukosten sowie zusätzliche Aufgaben ohne vollständige Gegenfinanzierung stellten die Kommunen zunehmend vor Herausforderungen. Trotz der angespannten Haushaltslage wolle die Gemeinde notwendige Investitionen fortführen, um Herzebrock-Clarholz als Wohn- und Wirtschaftsstandort weiterzuentwickeln.

Bürgermeister Diethelm spannte dabei den Bogen zu den zuvor vorgestellten Themen. Auch Kommunen müssten sich mit dem demografischen Wandel, dem Erhalt von Wissen und der effizienten Gestaltung von Prozessen auseinandersetzen. „Wissenstransfer ist wirklich eine Mammutaufgabe“, sagte Diethelm und bedankte sich bei den Referenten für die praxisnahen Impulse.

Beim anschließenden Austausch am Buffet nutzten viele Gäste die Gelegenheit, die vorgestellten Ansätze zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.